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TEXT ZUR AUSSTELLUNG

the line´s desire

Malerei, Installationen, Video, Zeichnungen von Antonia Lamb und Mirijam Heiler

Das Begehren der Linie

Mirjiam Heiler und Antonia Lamb begegnen sich 2014 an der Kunstakademie Karlsruhe, teilen zeitweise einen Aterlierraum, sowie von Anbeginn ihrer Verbindung eine Faszination für die Reduktion der Formen, im Sinne einer Konzentration auf die Linie und das vermeintlich Einfache. Für die Ausstellung „Das Begehren der Linie“ wurden Arbeiten ausgewählt, in denen die Linie von verschiedenen Ausgangssituationen innerhalb gegebener Strukturen ihre Bewegungsfreiheit behauptet.


Mirijam Heilers Ausgangspunkt ist ein Sicherheitsnetz. „Die Arbeiten versuchen den historischen und kulturellen Wert von Strukturen wie Gittern, Grenzen, Zäunen, die zur Abgrenzung von Räumen (d.h. Strukturen der Kontrolle) verwendet werden, aus einer feministischen Perspektive zu hinterfragen.“ (Maximilian Pellizzari)

Das in der Kunstgeschichte ausdauernde Raster ist ein Boden, ein pavimento. Die stete Wiederholung einfachster, geometrischer Formen, die erst durch ihre Addition zu einem Raster werden und unendlich erweiterbar wäre. Das Raster ist das Ordnungsprinzip par excellence. Die Künstlerin ist fasziniert von der konstruierten Einfachheit, Ordnung und Klarheit, welche die technisch erzeugten Linien bieten. Die Serie „Rasterbilder 2019-2021“, gleicht einer Suche, eine Formel zu finden, die die Welt lückenlos in den Griff bekommt. Und zugleich ist es das Begehren der Linie auszubrechen, die Struktur aufzulösen, als Störung, als Riss oder offene Form. Sich sozusagen den Boden unter den eigenen Füßen zu entziehen.


Der freie Fall ist dagegen Ausgangspunkt der zeichnerischen Untersuchung von Antonia Lamb. Das leere weiße Blatt ist für sie ein unendlicher, dreidimensionaler Raum. Ein schwere- und bodenloser Raum, in den sie die Linien wirft. Zeichnung heißt für sie ein Zusammenspiel von Linie und Grund – in unterschiedlichster Beziehung. Sie können sich gegenseitig begründen (Walter Benjamin), miteinander im Widerstreit stehen (Jacques Derrida) oder, wie in der neuen Serie von Antonia Lamb, in beidseitiger Aktivität auftreten. Linie und Grund unterliegen hier einer gemeinsamen Kondition. Der Träger wölbt sich nach vorn und materialisiert den Bildraum, in dem die Linie ihre Kraft freisetzt. Das Material und die Striche stehen unter Spannung, biegen sich und das Blatt, sind „Stills“ einer Bewegung. Doch diese Pinselwürfe werden trainiert und ausdauernd wiederholt. Ohne Zögern, das Timing stimmt. Die Farbmenge ist gezielt kalkuliert, die Bewegung ist sowieso nicht mehr aufzuhalten. Die Zeichnungen von Antonia Lamb erschöpfen sich nicht im einzelnen Blatt, sondern bestehen auf die ausdauernde Produktion in Serie. Ein Stakkato von Anläufen als gemeinsame Choreografie – nonstop.


Beide Positionen teilen also die Akzeptanz von Abhängigkeiten und die Haltung, dass Autonomie nur in Auseinandersetzung mit diesen erspielt werden kann. Ein Weg dafür lautet, dem Begehren der Linie zu folgen.
(Manuel van der Veen)