TEXT ZUR AUSSTELLUNG

Rendezvous im Niemandsland 

Malerei auf Fotografie von Kai Helmstetter und Karl Unterfrauner

„Ich gehe in den Wald und suche gezielt Orte auf, wo sich eigentlich nichts abspielt“. Wenn Karl Unterfrauner mit seiner Kamera in den Wald geht, befürchtet man, dass er sich verlaufen wird, dass er verschwindet, in der Komplexität des Dickichts, in den Strukturen der Äste und Bäume, in den unendlichen Variationen der Blätter, Büsche und Sträucher.

 

Der formale Gegensatz zwischen Fülle und Leere ist für Karl Unterfrauner besonders interessant, denn hier entspringt auch die inhaltliche Spannung zwischen Unbestimmtheit und Gewissheit. Die Aura dieser Un-Orte/Orte lässt sich nicht so einfach interpretieren – war jemand hier? Was ist hier passiert? Gibt es Spuren vorheriger oder zu erwartender Besucher oder gar Indizien, die auf ein Verbrechen hindeuten? Ist dieser Ort von Liebenden, Jägern, Detektiven, Kriegern, oder Kobolden frequentiert worden? Und schließlich: Ist dieser Ort authentisch oder fiktiv?

 

Der Ausschnitt aus dem Alltag der Natur wird durch die nüchtern-präzise schwarz-weiß Photographie abstrahiert, versachlicht und geradezu abgekühlt, der chaotische Mikrokosmus der Strukturen erscheint in seinem Detailreichtum sowohl bis zum Overkill reichhaltig, aber zugleich bemerkenswert undekorativ, öd und leer. 

 

Seine Waldphotographien wären ohne das Zutun Kai Helmstetters zunächst Vexierbilder, die wie kriminalistische Photos einen scheinbar beliebigen Ort festhalten, in denen man instinktiv nach Spuren eines Protagonisten sucht ...

 

Mit dem offenen Feld tun sich Abgründe auf. Ein ideales Terrain für Kai Helmstetter, der die Bilder weiterspinnt und seine fantastischen Protagonisten hineinmalt, die an konkretem Detailreichtum den Photographien Karl Unterfrauners mindestens ebenbürtig sind. Mit Öl- und Acrylfarben malt er sie wie in spontanen Schüben eklektizistischen Perfektionismus direkt auf die auf Aluminium aufgezogenen Photographien. Ein ungewöhnliches Zusammenspiel entsteht im Dialog der optisch-alchimistischen Magie der Photographie und der Handarbeit klassischer Malerei. Der Computer bleibt draußen. Die Arbeitsteilung des Entstehungsprozesses, in dem die Malerei kokett virtuos auf die Photographiefläche appliziert wird, erinnert an die Vorgehensweise historischer Maler-Werkstätten, in denen im Akkord weite Teile von Gesellen gefertigt wurden, und der Meister nur sein Markenzeichen anbringen musste. Doch während in den Werkstätten die Hierarchie wesentliches Ordnungsprinzip war, ergibt sich für Helmstetter und Unterfrauner aus der selbst gewählten Arbeitsteilung keine Frage nach der Wertigkeit der Arbeitsschritte. Der Eine erfindet das Bühnenbild, der Andere erfindet die Darsteller. Der Reiz dieser Vorgehensweise liegt im Bedürfnis der Künstler nach einem unvorhersehbaren Ende begründet, wie die offene Dramaturgie in Andy Warhol's Filmen, in denen weder der Künstler-Regisseur noch die Selbstdarsteller-Schauspieler wussten, was passieren würde.

Textauszug zur Ausstellung von Angela Rosenberg

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Foto ab/dal 2016 © Nora Sölva

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