
TEXT ZUR AUSSTELLUNG
Emisferi
Papier, Film, Sound von Antonio Giuranna und Silvia Hell
Niemand kann etwas allein erschaffen. Für Sex braucht es mindestens zwei Menschen; für Krieg ebenfalls. Es braucht zwei Pole, um einen Funken zu erzeugen. Jeder jemals geschriebene Vers ist das Endergebnis von Tausenden von Jahren fremder Ideen, die aufgenommen, neu zusammengesetzt und weiterverarbeitet wurden. Manche von uns müssen sich zum Schaffen in einem Zimmer einschließen. Selbst dann schließen wir uns immer zusammen mit einer Menschenmenge von Geistern ein. Originalität gibt es durchaus, aber sie existiert nur in Beziehung zu anderen. Der Geist selbst, sagte der Anthropologe Gregory Bateson, existiert nur in Beziehung.
Der Geist, der zwischen Silvia und Antonio entsteht, ist ein großzügiger Ort, voller Überraschungen. Silvia stammt aus dem äußersten Norden Italiens, Antonio aus dem tiefen Süden. Silvia denkt mit den Augen, Antonio mit den Ohren. Silvia ist ruhig, Antonio nicht. Sie sind in jeder Hinsicht zwei verschiedene Hemisphären, und genau deshalb öffnen sich, wenn sie sich begegnen, wunderbare Räume, die es zu erkunden gilt.
Ihre Werke verbinden Bilder und Musik zu einer komplexen sinnlichen Erfahrung. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihr Nature for Strings gesehen habe. Wir befanden uns mitten auf dem Land, in einer heißen Sommernacht unter einem Vollmond. Zunächst zog es mich langsam in seinen Bann, dann ganz plötzlich. Ich fand mich dabei wieder, wie ich hinabfiel in den eigenwilligen und zugleich präzisen Geist, den meine beiden Freunde, zwei Hemisphären, hervorgebracht hatten. Ich kam daraus gleichzeitig benommen und erneuert wieder hervor.
Silvia und Antonio haben eine Tochter bekommen. Sie haben sie Alma genannt – ein Wort, dessen Bedeutungen unter anderem „Seele“ umfasst. Die Erschaffung einer Seele ist der radikalste und zugleich furchteinflößendste Akt überhaupt. Und dafür braucht es zwei Hemisphären.
Willkommen.
Francesco Dimitri





