AUSSTELLUNGSTEXT

 

Bodymatic and other normal disasters

Skulptur, Zeichnung, Installation von Klaus Auderer und Peter Senoner

Zentrales Motiv von Peter Senoners (1970, IT) Arbeit ist die Metamorphose, inhärenter Bestandteil der bildhauerischen Praxis im Allgemeinen. Der Ausgangspunkt ist oft die Zeichnung. Schaffensprozesse, Kontextverschiebungen, Brechungen und Transformationen werden ständig neu verhandelt. So ist die Zeichnung gleichzeitig Skizze und Endprodukt oder performatives Mittel. Hier trifft das Charakteristikum der Zeichnungen von Peter Senoner auf das Charakteristikum der Skulpturen von Klaus Auderer (1968, AT). Die Arbeiten der beiden Künstler verschränken sich über die Metamorphose. Metamorphose (griechisch μεταμόρφωσις metamórphosis ‚Umgestaltung‘) ist die evolutionäre Anpassung einer Pflanze an ihre jeweiligen Umweltbedingungen. Die Arbeiten von Senoner und Auderer sind wie Zukunftsvisionen

solcher evolutionärer Anpassungen.

 

Peter Senoners High-End-Skulpturen sind Hybride zwischen vegetabilen, technoiden und amorphen Formen. Obwohl auch Peter Senoners androgyne Skulpturen Ausformungen und Andockungen haben, die an den Körpern haften, so wie bei Klaus Auderers Figuren, bricht letzterer jedoch diese Erhabenheit und Ruhe zugunsten einer Irritation. Die Andockungen bei Senoner sind vorwiegend technoide Elemente, beispielsweise als wäre ein Kopfhörer teil des Körpers, und machen den Körper zu einer Art Cyborg. In Senoners Zeichnungen legen sich zusätzlich zu den angedeuteten Andockungen Muster wie Hautalterationen über die Körper. Oft in rot gehalten, scheinen sie wie Problemzonenmarkierungen in geographischen Diagrammen. Die Überlagerungen sind nicht nur symbolische, sondern passieren auch auf dem Papier selbst. Schichten von Graphit-gezeichneten Körpern, Aquarelle-Übermalungen und Farbminen-Muster überlagern sich.

 

Auderers Ausformungen kommen eher von Innen und haben die Negativität eines bösartigen Geschwürs, eine Art Vermonsterung der Figur. Der Eindruck entsteht durch mehrere bewusste Setzungen. In manchen Fällen handelt es sich nicht um unversehrte Körperoberflächen, da sie Löcher, Schrauben oder Verbindungselemente aufweisen, die bereits Unbehagen hervorrufen. In anderen Beispielen werden Gliedmaßen entweder an unnatürlichen Stellen oder in unnatürlichen Posen an die Figuren addiert. Die unnatürlichen Posen wirken sich noch subtiler auf den/die BetrachterIn aus, weil wir durch unserer Spiegelneuronen Unangenehmes, das wir sehen, auch nachempfinden. Spiegelneuronen sind die Grundlage menschlicher Empathie. Dabei ist es genau das Fehlen von Menschlichkeit und Empathie, die die meisten Projekte von Klaus Auderer thematisieren. Auf seinen ausgedehnten Reisen und Aufenthalten in Krisen- und Kriegsgebieten war er stets Beobachter von Regierungsterrorismus und den Verbrechen von Waffen- und Energieindustrie. Die im Gefängnis Le Carceri präsentierten life size-Skulpturen sind sozusagen Kernfiguren der Thematiken, mit denen sich Auderer seit Jahren auseinandersetzt. „Untitled – Gun Club – a disease“ hat einen dritten Arm mit Waffe, nicht zufällig an der Stelle eines (denkenden) Kopfes. Den losen Arm nennt er „Untitled – Quarter Hakenkreuz“ in Anlehnung an das Terrorregim des dritten Reichs. Man könnte behaupten, viele der Ausgangspunkte Auderers entstehen durch die Auseinandersetzung mit der Europäischen Geschichte, dem Export von Kolonialismus und Völkermord und den Auswirkungen dieser Geschichte auf aktuelle Situationen. Erfolgreich bekämpft er den Eurozentrismus auf der Suche nach der Darstellung der conditio humana in den unscheinbaren Oberflächenäußerungen der Kultur. „Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozess einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst.“ [1] so Kracauer. In einer Zeit, in der Daten alles um uns herum bestimmen und wir bestrebt sind, so viel wie möglich Daten abzuliefern und über uns zu erhalten, um uns ständig selbst an Effizienz, Leistungsfähigkeit und Rentabilität zu übertreffen (Stichwort Quantified Self) [2], werfen die Arbeiten der beiden Künstler wichtige Fragen zur näheren Zukunft auf.

 

[1] Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main 1963, S. 50.

[2] „The Quantified Self“ ist ein Netzwerk aus Anwendern und Anbietern von Methoden sowie Hard- und Softwarelösungen, mit deren Hilfe sie z. B. umwelt- und personenbezogene Daten aufzeichnen, analysieren und auswerten. Ein zentrales Ziel stellt dabei der Erkenntnisgewinn u. a. zu persönlichen, gesundheitlichen und sportlichen, aber auch gewohnheitsspezifischen Fragestellungen dar.

 

Text: Victoria Dejaco | Grazer Kunstverein, freie Kuratorin

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